Schöne neue Arbeitswelt

Microsoft hat heute seine neue Firmenzentrale in München eröffnet. „Die neue Arbeitswelt“ flötet der sozialistische Bayerische Wahrheitsfunk und führt durch schmucke Büros.
 
Schön schön, nun also auch in München. Doch das Konzept ist uralt, das gleiche hat IBM schon vor 10 Jahren in Zürich eingeführt. Mit allem Schnickschnack. Begegnungszentren, Cafeterien, Stille und laute Räume, Arbeitsplätze, Ruheräume mit lustigen Betten, sogar ein Fitnesstudio hatten wir! Wer jedoch – so wie ich – in einem dieser Officekonzepte gearbeitet hat oder – so wie ich – auch eines für eine Landesorganisation mitdesigned hat – der weiß: Es ist eigentlich ein rechter Schmarrn auf die lange Sicht. Und es verkommt in eine Legebatterie über kurz oder lang. Zwangsläufig. Denn es ist eine Ausprägung des real existierenden gelebten Sozialismus.
 
Ganz klar: So ein Büroneubau kann sich lohnen – und bei meinen Erfahrungen hat es sich kostenseitig zwar gelohnt, weil die Mietkosten gesunken sind aber die Produktivität und die Motivation der Mitarbeiter geht ebenso runter. Natürlich wird das Gegenteil behauptet: Man wäre motivierter, alles ist toll – es gibt Surveys die das Management bestätigen, doch: Wenn mal der Geruch der frischen Möbel weg ist, bleibt der fade Gestank von fehlender Putzhygiene bei shared desks, fehlender Identifikation mit dem Arbeitsplatz und eine geringere Motivation.
 
Thema Sparen: Irgendwann greifen bei so einem Konzept die Sparkommissare durch – Bonus winkt! Die ersten „Meetplaces“ werden schnell in neue Büros umgewandelt – „wir brauchen Platz“ – und bald kommt der Facility Manager mit Sparideen auf den Trichter, daß man ja den Mitarbeitern Wischtücherl geben kann, um den Schreibtisch und das Telefon (gut, das gibt es bei Microsoft eh nicht, das macht das Surface-Telefon, hat mir der Kollege geschrieben) selbst zu putzen. Die spackige Wurschtsemmel hängt trotzdem noch weiter im Restmüll-Eimer und duftelt dann drei Tage vor sich hin. Irgendwann ist der schöne Geruch von neuen Möbeln – ähnlich wie der bei Autos – dem Mief von Consultingschweiß – das ist dieser Streßangstschweiß – gepaart mit S-Bahngeruch gewichen.
 
Professionell ist anders.
 
Was übrigens bei IBM in Zürich – und da hoffe ich, daß Microsoft es besser macht, besonders dumm war und immer noch ist ist das fehlende Parkplatzkonzept gewesen: Es gab zu wenige Parkplätze, und so habe ich manch Meeting als Conference Call in der Einfahrtwarteschlange zur Tiefgarage verbracht, und ja: nach 30 Stunden Anwesenheit konnte man nicht mehr in die Garage reinfahren, der Badge war gesperrt, so wollte man Parkplätze bewirtschaften, denn die Stadt hatte bei so wenigen Arbeitsplätzen natürlich auch nur wenige Parkplätze bewilligt. Sozialistisches Karma slaps in your face.
 
Irgendwann haben sich die Kollegen komplett ins Homeoffice verschoben, richtig für gemeinsames Arbeiten war man nicht oder man hat sich gleich bei Kunden eingenistet, die haben das natürlich besonders geschätzt, vor allem den „professionellen Auftritt“. Dort wo man sich dann getroffen hat, war die Cafeteria, und manch Kollege hat aus der Not eine Tugend gemacht und war dann mit seinen Confcalls und seinem Laptop für vier Stunden in der Cafeteria anzutreffen. Die „Attrition“ ist hoch gegangen, manche haben das anfänglich auch noch gefeiert, aber eigentlich war es für die meisten eher die Hölle. Auch hier: Professionalität schaut anders aus. Inzwischen frage ich solche Kollegen immer, wenn ich sie anrufe: „Kannst Du sprechen?“ und dann heißt es: „Ja Moment, ich suche einen Raum…“ fünf Minuten später kann man dann langsam zur Sache kommen.
 
Vertrauliche Gespräche vom Kunden der einen anrufen will – denn das passiert halt eben so: Fehlanzeige, alle hören mit Ohren wie Salatschüsseln mit, sie müssen mithören, es geht leider kaum anders. Manche kommen ins Flüstern, ins Leisetreten, mit der Folge, daß der telefonische Auftritt fehlt. So ein Gegenüber kann man eher in die verhandlungstaktische Reserve locken. Und schnell fehlen wieder ein paar Prozentpunkte Marge.
 
Ach ja, beliebt sind übrigens in dieser Ausprägung des „modernen Arbeitens“ Gemeinschaftsdrucker. Meiner war im 8. Stock im Turm, manchmal war ich auch im zweiten Stock. Und mein Freund war der Drucker– ich habe ihn irgendwann „Bob“ genannt (von Bob Hope). Denn Bob hat mir alles geflüstert: Executive Resources Pläne (wer drauf war, wer bald drauf ist, wer in Reserve ist), Salärlisten, Steigerungsvorschläge, Bonuspläne, Abfindungsvereinbarungen, Sales Pipelines und deren Auslegungen, Reisepläne und die exaltierten Varianten davon, Urlaubspläne, Abfindungsvereinbarungen, Scheidungsunterlagen, Ivans, Davids, Ruedis und Susus Steuererklärung (ab da hatte ich fast Mitleid), die Passwortliste für das gemeinsame Passwort – mein Freund der Drucker war mir als Frühaufsteher immer sehr hold. Das Passwort hieß übrigens quartalsweise wechselnd Spr1ng, Summ3r, F8ll123 und W1nter. Denn ich hatte keinen Vorrangsparkplatz, und so mußte ich natürlich früh rein und war meistens dann schon vor acht Uhr da. Ich habe viel gelernt in der Zeit, mein Freund Bob  hat mich zweieinhalb Jahre gut gecoacht. Ich habe übrigens selbst wenig ausgedruckt, zum einen wollte ich Papier sparen, zum anderen habe ich verstanden, daß Bob, mein Freund, nicht unbedingt loyal ist.
 
Büros sind eine Ausprägung des Human Farming. Und daher sollte man bei Bürokonzepten ein wenig von guten Agraringenieuren abschauen.
 
In der Viehhaltung entspricht dieses Konzept einer verbrämten Massentierhaltung mit ein paar Laufställen. Das Gegensatz sind individuell eingerichtete Einzelbüros oder wenigstens Gruppenräume: Biobauern mit Weidehaltung.
 
Fragt sich zuletzt, wann den Mitarbeitern dann auch das Leben in gemeinsamen Schlafsälen schmackhaft gemacht wird.

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